NAD+ Infusion und der Longevity-Hype: eine ärztliche Einordnung

Erst liest man davon in einem Interview mit einem Tech-Gründer aus dem Silicon Valley. Dann bei einer Bekannten auf Instagram. Dann steht das Wort auf der Karte einer Wellness-Lounge in Los Angeles. NAD+ ist in der Longevity-Kliniken der Welt angekommen, und mit ihm die Frage, wie viel davon tatsächlich Wissenschaft ist und wie viel Wunschdenken. Wir sagen es Ihnen, so ehrlich wie im persönlichen Gespräch.
Was ist NAD+ überhaupt?
Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid, kurz NAD+, ist ein Coenzym, das in nahezu jeder Zelle des Körpers vorkommt. Ohne NAD+ kann keine Zelle Energie aus Nahrung gewinnen. Besonders in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle, ist es unentbehrlich. Muskeln, Gehirn und Organe brauchen den ständigen Nachschub.
Doch die Rolle von NAD+ endet nicht beim Energiestoffwechsel. Sirtuine, jene Enzyme, die Zellstress kontrollieren und in der Longevity-Forschung als „Gene der Langlebigkeit“ gelten, brauchen NAD+ als Treibstoff. Genauso die DNA-Reparaturenzyme, die täglich Zehntausende kleiner Schäden im Erbgut beheben.
Vereinfacht: NAD+ hält drei Grundfunktionen der Zelle am Laufen; Energie, Schutz und Reparatur. Deshalb interessiert sich die Longevity-Forschung so intensiv für dieses Molekül.
Sinkt der NAD+-Spiegel im Alter? Ein Mythos wird differenzierter
Lange galt als gesichert: Der NAD+-Spiegel fällt mit dem Alter kontinuierlich ab. Diese Aussage findet sich bis heute in fast jeder Longevity-Publikation. Die neuere Datenlage zwingt zu einem präziseren Bild.
Ja, in Geweben wie Gehirn, Haut und Skelettmuskel wurden bei älteren Menschen wiederholt niedrigere NAD+-Werte gemessen. Nein, im Vollblut lässt sich dieser Rückgang nicht ohne Weiteres nachweisen. Aktuelle Auswertungen mehrerer Studienkohorten zeigen kein einheitliches Muster.
NAD+ wird organspezifisch reguliert. Was im Blut sichtbar ist, sagt wenig über die Zelle im Muskel, im Gehirn oder in der Leber aus.
Das entwertet NAD+ nicht als therapeutisches Ziel. Es bedeutet nur, dass ein einzelner Blutwert kein vollständiges Bild liefert. Wer NAD+ ernsthaft betrachten will, betrachtet den gesamten Stoffwechsel und die klinischen Zeichen des Menschen, der vor einem sitzt.
Was die Forschung heute wirklich zeigt
Bei den oralen NAD+-Vorstufen ist die Datenlage am solidesten. Nicotinamid-Ribosid (NR) kommt natürlich in Milch, Fleisch und Gemüse vor, ist gut bioverfügbar und in klinischen Studien konsistent gut verträglich. Eine kontrollierte Zwillingsstudie zeigte unter NR eine vermehrte mitochondriale Biogenese im Muskel, ein plausibler Hinweis auf tatsächliche Effekte im Energiestoffwechsel.
Für intravenöses NAD+ ist die Studienlage schmaler, aber wachsend. Die Pilotstudie von Grant und Kollegen (2019) verabreichte 750 mg NAD+ über sechs Stunden und wies eindeutig nach: Der Körper nimmt infundiertes NAD+ auf, das Blut- und Urinprofil verändert sich messbar. Wie stark sich das langfristig auf Energie, Konzentration oder Alterungsprozesse auswirkt, untersuchen mehrere Arbeiten derzeit.
Unsere Position: NAD+-Infusionen sind ein vielversprechender Baustein einer modernen Longevity-Strategie, kein Wundermittel, keine Garantie. Wer etwas anderes verspricht, verkauft Hoffnung, keine Medizin.
Ein weltweiter Trend und ein gesunder wissenschaftlicher Streit
NAD+-Infusionen sind heute Standard in den führenden Longevity-Adressen der Welt. Die NADclinic Group in London hat sich früh spezialisiert und ein internationales Netzwerk aufgebaut. In Los Angeles kombinieren das Beverly Hills Rejuvenation Center und Dr. Ben Talei NAD+ mit ästhetischen und regenerativen Behandlungen. Die Modern Age Clinic in New York und die Clinique La Prairie am Genfersee bieten NAD+-Protokolle als festen Bestandteil ihrer Longevity-Programme an.
Wissenschaftlich getrieben wird das Feld vor allem von David Sinclair, dem Harvard-Genetiker, dessen Arbeiten zu Sirtuinen dem Molekül internationale Aufmerksamkeit verschafft haben. Sinclair nimmt nach eigenen Angaben täglich NAD+-Vorstufen ein. Unumstritten ist er nicht. Charles Brenner, ebenfalls ein renommierter NAD+-Forscher, widerspricht öffentlich einzelnen von Sinclairs Thesen. Genau dieser Diskurs ist gesund. Er zeigt, dass sich das Feld ehrlich mit sich selbst auseinandersetzt.
Für wen kann eine NAD+-Infusion sinnvoll sein?
Wir empfehlen NAD+-Infusionen nicht als Lifestyle-Behandlung. Sie sind ein medizinisches Instrument mit klarem Einsatzgebiet. Häufige Indikationen in unserer Praxis:
- Anhaltende Müdigkeit oder reduzierte Leistungsfähigkeit ohne klare Ursache
- Hohe körperliche und mentale Belastungsphasen: Führungskräfte, Leistungssportler:innen, pflegende Angehörige
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme jenseits altersnormaler Schwankungen
- Erhöhter Regenerationsbedarf nach längerer Erkrankung oder Infektion (Post-COVID einbezogen)
- Hormonelle Umstellungsphasen, insbesondere Perimenopause
- Metabolische Belastungen im Rahmen eines ärztlich begleiteten Gewichtsmanagements
- Der Wunsch, Zellgesundheit und gesundes Altern strukturiert und messbar zu unterstützen
Wie wir arbeiten
Jede NAD+-Infusion im Berkei Longevity Institut folgt einem festen, ärztlich verantworteten Ablauf in drei Schritten.
1. Beratung und Indikationsstellung
Bevor irgendetwas infundiert wird, wird gesprochen. Wir klären, ob eine NAD+-Infusion in Ihrem konkreten Fall überhaupt sinnvoll ist, auf Basis einer medizinischen Anamnese und Ihrer individuellen Gesundheitsziele. Diese Sorgfalt, Nutzen ehrlich von Hoffnung zu trennen, ist der wichtigste Schritt.
2. Personalisierte Diagnostik
Es folgt eine indikationsbezogene Labordiagnostik, kein Standardpaket, sondern gezielte Untersuchungen, die sich aus Ihrem Befund und Ihrer Fragestellung ableiten. Wo sinnvoll, ergänzen wir organspezifische Marker und funktionelle Tests.
3. Individuelles Behandlungsprotokoll
Auf dieser Grundlage legen wir Dosis und Infusionsgeschwindigkeit fest, begleiten die Behandlung ärztlich und dokumentieren Verlauf und Verträglichkeit lückenlos. Einen allgemein anerkannten Dosierungsstandard gibt es für intravenöses NAD+ derzeit nicht. Umso wichtiger ist die individuelle Titration.
Das Berkei Longevity Institut
2026 eröffnet das Berkei Longevity Institut in der Großen Bockenheimer Straße 43, nur wenige Gehminuten von der Alten Oper entfernt.
Mit diesem Schritt erweitert die Berkei Plastic Surgery Clinic ihr medizinisches Spektrum um ein spezialisiertes Zentrum für Longevity-Medizin, zelluläre Regeneration sowie moderne Healthy-Aging- und Age-Reversing-Konzepte.
Die neuen Räumlichkeiten verbinden moderne medizinische Diagnostik mit individuell entwickelten Präventions- und Regenerationskonzepten. Molekulare und metabolische Analysen helfen dabei, gesundheitliche Risiken differenzierter zu erkennen, Veränderungen im Verlauf messbar zu machen und eine neue Dimension der präventiven Longevity-Medizin in Frankfurt zu etablieren.
Unser Anspruch ist dabei bewusst medizinisch: neue Entwicklungen früh aufzugreifen, ohne ihnen mehr zu versprechen, als die Wissenschaft zum jeweiligen Zeitpunkt tragen kann.
Wenn Sie neugierig geworden sind, laden wir Sie zu einem persönlichen Gespräch ein. Dort ordnen wir gemeinsam ein, was NAD+ für Sie bedeuten kann.
Wissenschaftliche Quellen
- Grant R et al., „A Pilot Study Investigating Changes in the Human Plasma and Urine NAD+ Metabolome During a 6 Hour Intravenous Infusion of NAD+“, Frontiers in Aging Neuroscience, 2019.
- Lautrup S et al., „NAD+ in Brain Aging and Neurodegenerative Disorders“, Cell Metabolism, 2019.
Weitere Studien und Übersichtsarbeiten teilen wir gern im persönlichen Gespräch.











